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Jan Hoff, Alexis Petrioli, Ingo Stützle, Frieder Otto Wolf, (Hrsg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie

Münster, Westfälisches Dampfboot, 2006, 27,90 Euro, 370 Seiten

Das Kapital neu gelesen?

Das Marxsche Kapital wird seit seinem Entstehen immer wieder gelesen und verschiedentlich rezipiert. In der heutigen Zeit knapp 20 Jahre nach dem Ende des Realsozialismus und seiner versteinerten Marxorthodoxie dürfte es laut den Herausgebern eines neuen Sammelbandes namens „Das Kapital neu lesen“ für einen Neuanlauf im Kapitallesen besonders gute Bedingungen geben. Einerseits sind die Zwänge der Orthodoxie nur mehr in ihren (akademischen) Endmoränen präsent, zum anderen scheinen linke Bewegungen weltweit sich wieder am aufsteigenden Ast zu befinden. Der Titel des Bandes verweist wiederum schon auf eine gewisse Theorietradition, in der sich die Herausgeber wähnen. Denn vor circa 40 Jahren knapp vor dem Aufbegehren von 1968 publizierten Louis Althusser und seine Schüler den Band „das Kapital lesen“(Lire Le Capital), in welchem sie ihre strukturalistische Kapitallektüre einem breiteren Publikum zugänglich machten. Die darin zum Teil entwickelte Terminologie hallt nun im ganzen Band nach. Die heutige Lage ist aber von derjenigen Althussers et al. in den 60er Jahren verschieden. Das Kapital wurde wieder und wieder gelesen, und so auch wieder und wieder interpretiert. So sehen sich die Herausgeber –Jan Hoff, Alexis Petrioli, Ingo Stützle sowie Frieder Otto Wolf- in ihrem langen Einleitungsteil auch nicht in ungebrochener Tradition zu Althusser, sondern ihren Ausgangspunkt stellt die „neue Marxlektüre“, die seit den 60er Jahren in Deutschland aufgekommen ist, dar. Gleichsam wirft die Einleitung auch einen Blick auf die Kapitallektüren anderer Gefilde, wie derjenigen Japans, anderer europäischer Ländern oder Südamerikas. Der Tellerrand ist also nicht mehr die BRD, sondern –so globalisiert lebt es sich schon- der ganze Erdenrund. Vor althusserianischem Hintergrund aus der spezifischen Tradition der (west-)deutschen Kapitallesart samt ihren Problemkomplexen kommend, sich der Kapitallektüre der restlichen Welt vergewissernd – nichts weniger ist der Ausgangspunkt dieses Bandes. Und wohl auch die Aufgabe einer neuen Kapitallesebewegung in unseren Breiten. Den Einstieg bietet dann Ingo Elbe, indem er, wiederum mit Focus auf Deutschland, 3 Lesarten des Marxschen Kapitals zu unterscheiden weiß: die bereits von Engels mit geformte traditionelle Orthodoxie mit ihren ehernen Gesetzen, den westlichen Marxismus mit seinem Praxispostulat seit den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, und eben die „neue Marx-Lektüre“ mit ihrer Formanalyse und Kritik seit Mitte 60er Jahre. Die Fronten in Deutschland wären damit geklärt. Die nächsten Beiträge beschäftigen sich darob auch mit anderen Gebieten. Bernard Guibert versucht die französische Kapitallektüre im Anschluss an Althussers Werk althusserianisch zu lesen, und hinterlässt die/den LeserIn eher verdutzt. In einer Mischung aus naturwissenschaftlicher Metaphorik und holpriger Satzführung, was mitunter auch an der Übersetzung liegen kann, versucht Guibert den Werdegang des französischen Strukturalismus nachzuzeichnen; verliert sich dabei aber zu sehr in Namen und Debattenetiketten. Können französische LeserInnen dabei vielleicht noch folgen, wird es für andere Interessierte ein inkonsistentes Wirrwarr an Namen und Metaphern. Gleiches mit anderer Gewichtung gilt für den Beitrag Leo Šešerkos, welcher die hegelsche Logik „als das wirkliche Triebwerk des Kapitals“ untersuchen möchte. Das Problem dabei ist der Titel seines Textes, dieser hat herzlich wenig mit dem Inhalt zu tun. Šešerko beschäftigt sich mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus, den darauf folgenden Schockprivatisierungen, wie einigen anderen Probleme innerhalb der neuen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Ein Unterkapitel möchte dann auch die Beziehung zwischen Marxens Werk und den hegelschen Kategorien ausloten, bleibt aber größtenteils nichtssagend und mündet wiederum in die Frage was in den neuen ex-realsozialistischen EU-Ländern, noch unter den Privatisierungshammer zu bringen sei. Als einziger Beitrag aus der Zusammenschau internationaler Kaptallektüren weiß Richard D. Wolffs Beitrag zu überzeugen, indem ihm die wesentliche Aufgabe gelingt an denen die vorherigen Beiträge gescheitert sind: ein Thema grundlegend darzulegen. Und sein Thema wiederum ist die klassentheoretische us-amerikanische Kapitallektüre des „autonomist marxism“. Über diese Lektüreart, die den Klassenkampf in seinen autonomen Formen in den Mittelpunkt der Analyse setzt, gibt er umfassend Auskunft. In diesem Sinne: mission accomplished. Daran schließt wiederum Jacques Bidet in schlechter Tradition gleichsam unverständlich an. Sein Anliegen war eine „metastrukturale Rekonstruktion des Kapital“ – eine ziemlich taffe Aufgabe für 8 Seiten Text. Bidet hat sich nämlich zur Aufgabe gemacht, woran schon viele vor ihm gescheitert sind, aus dem Kapital eine großflächige Theorie der Moderne zu zimmern. In seinem Abriss gelingt dies jedenfalls nicht; Begriffe werden nicht erklärt, zum Marxschen Kapital konträr stehende Behauptungen einfach so gesetzt, und in schöne Schautafeln überführt. Für den/die unbedarfte LeserIn jedenfalls in großen Teilen unverständlich bis widersprüchlich. Mit diesem Beitrag endet nun auch schon die internationale Rubrik des Bandes; die restlichen Texte beziehen sich auf Probleme der „neuen Marxlektüre“. Den Anfang darin macht Frieder Otto Wolf dadurch, dass er die „Grenzen der dialektischen Darstellung“ Marxens auslotet. Damit zeigt er die Relevanz der (Klassen-)Kämpfe im Kapitalismus, welche mit Ausnahme des Beitrags zum „autonomist marxism“ der USA im ganzen Band merkwürdig unerwähnt bleiben. Danach geht es in medias res des ersten Bandes des Kapital. Die Wertformanalyse als eine der kniffligsten Stellen der Marxschen Theorie wird genauer auseinanderklambüsert. Gemeinsame Grundannahme der neuen „Marx-Lektüre“ ist diejenige über den monetären Charakter der Wertformanalyse. Will heißen, dass sich Werte gar nicht aufeinander beziehen ließen, gäbe es nicht das Geld. Das Geld ist also Ergebnis der Wertformanalyse, diese also keineswegs historisch zu lesen, sondern als begrifflich-logische Genese einer Geldform(wie diese auszusehen hat, ist Objekt der Debatte). Christian Iber versucht nun, indem er die Wertformanalyse in der ersten und zweiten Auflage des Kapitals miteinander vergleicht, zu zeigen, dass es sich bei der Wertform mitnichten um eine Äquivalenzrelation handelt. Dagegen argumentieren wiederum Dennis Kirchhoff und Alexander C. Reutlinger, dass es sich bei ebenselbiger doch um eine solche handele. Beiden Texten ist gemein, dass sie auf einer sehr formalisierten Ebene argumentieren, was durchwegs auch Erkenntnisgewinn bringt. Rolf Krämer wiederum meint der Wertform mit dem kritisch-psychologischen Instrumentarium Klaus Holzkamps auf die Schliche zu kommen, daran schließt er Überlegungen zur Geldware an, welche sodann das Thema des folgenden Beitrags von Ingo Stützle bilden. Er argumentiert in seinem umfassenden und überzeugenden Beitrag, dass es im Rahmen der monetären Werttheorie bei Marx, im Gegensatz zur Argumentation desselben, keineswegs notwendig sei von einer Geldware auszugehen, ja diese nur ein historischen Intermezzo des Kapitals darstelle, dieser eigentlich „in seinem ideellen Durchschnitt“ gar keiner solchen bedürfte. In den Reigen der Beiträge, die sich um die Wertform zentrieren, gehört auch noch derjenige von Alexander Gallas, welcher der Wertkritik mittels des Industrieproletariats mores einpauken will. Seine Kritik wirkt aber reichlich altbacken, und den monistisch-deterministischen Zugang, den er der Wertkritik zuschreibt, offenbart er selbst, indem der das (männliche) Industrieproletariat zum einzigen Subjekt der Emanzipation adelt(der im Band zumeist abwesende Klassenkampf kommt hier platterdings als Kampf des „produktiven“ männliches Industrieproletariats zu zweifelhaften Ehren). Schließlich finden sich im knapp 370 Seiten starken Sammelband auch noch zwei Beiträge jenseits der Wertformproblematik. Deren einer von Jan Hoff leuchtet das Verhältnis Marxens zum Früh- und ricardianischen Sozialisten Thomas Hodgskins aus. Abgerundet wird der Band schließlich mit dem Text von Martin Birkner und Käthe Knittler, welcher das Problem der fehlenden Konzeptualisierung der Haus- und Reproduktionsarbeit im Marxschen Werk fokussiert. Dabei werden auch feministische Kritiken an Marx vorgestellt, wie sie die Operaistin Mariarosa Dalla Costa oder die Bielefelder Subsistenztheoretikerinnen übten.

Wie gesagt hat sich dieser Band einer Herkulesaufgabe gestellt: Kommend von Louis Althusser, aufbauend auf die neue „Marx Lektüre“ und mit Blick über den Tellerrand der deutschen Kapitallektüre, galt es das Kapital neu zu lesen. Über jedes der Themen könnte des Langen und Breiten diskutiert werden, und jedes der Themen gäbe gut einen eigenen Sammelband ab. Und so kommt es auch, dass dieser Band einem Flickwerk gleicht. Die internationalen Beiträge sind bis auf einen größtenteils unverständlich, und führen keineswegs in die Debatten anderer Länder ein, sondern stiften eher Verwirrung. Die darauf folgenden Beiträge zur deutschen Debatte –Frieder Otto Wolfs Beitrag hebt sich angenehm von den anderen ab- fokussieren größtenteils auf die Marxsche Wertformanalyse; dies ist durchwegs interessant und geschieht auf hohem Niveau, kann aber, wenn es darum geht, das Kapital neu zu lesen nicht der alleinige Focus sein. Das dürfte auch den Herausgebern selbst klar sein, denn in ihrem Nachwort betonen sie nochmals, dass es am Marxschen Kapital mehrere Baustellen gäbe, und die im Band behandelten nur einen Teil davon abdeckten (sowohl Ein- als auch Ausleitung gefallen durch ihre äußerst ausführlichen Literaturangaben). Wenn sich die Lektüre des Kapitals auch um einige Kernpunkte des Marxschen Werks konzentriert – die Wertformanalye dürfte wohl zu den wichtigsten zählen- so bietet der Band auch in diese Probleme nur einen sehr begrenzten Einblick. Das Kapital neu auf der Höhe des 21. Jahrhunderts zu lesen kann in einem Sammelband allein nun mal nicht gelingen; dies sich einzugestehen wäre der erste Schritt in die richtige Richtung. So hätte ein eingegrenzterer Darstellungsbereich dem Band sicherlich gut angestanden. In der jetzigen Breite fehlt der rote Faden, und es entsteht der Eindruck eines selbstreferenziellen Nebenhers der verschiedenen Ansätze.

Georg Gangl

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ISSN 1814-3164 
Key title: Grundrisse (Wien, Online)

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